Eadha spürte, wie sich ihr die Sídhe, unter ihnen die Seele ihrer Mutter, näherten - dann erlebte sie eine Vision, in deren Verlauf ihr Geist Jahrtausende überschaute.
Eadha sah, wie das Imperium Romanum noch mächtiger wurde; dannach sah sie, wie das Reich des Bösen niederbrach und vom Angesicht der Erde verschwand. Jetzt war Britannien wieder frei, und die Schönheit der keltischen Kultur blühte auf wie in alter Zeit - bis neuerlich Feinde an der Südostküste landeten. Diesmal handelte es sich um Germanen, die in mörderischer Absicht über das Meer gekommen waren - doch ein britannischer König, dessen Name Artur lautete, besiegte sie. Neben diesem Herrscher saß eine rotblonde Frau auf dem Thron, die Gwynhwyfara hieß; nachdem das Königspaar auf der Insel von Avalon zur letzten irdischen Ruhe gebettet worden war, geschah das Schreckliche - nun wurde Britannien von den Germanen unterworfen, und die Kelten litten erneut unter brutaler Gewaltherrschaft.
Dies erschaute Eadha, und sie erschaute auch, wie sich auf dem europäischen Kontinent ein weiteres fürchterliches Imperium herausbildete. Das römische Mordkreuz war sein Zeichen, und unter diesem zeichen blutete der Erdteil viele Jahrhunderte lang, bis der Kreuzgalgen schließlich seine Macht zu verlieren begann. Aber kaum war das schreckliche Reich der dämonischen Kreuzpriester ins Wanken geraten, entstanden andere, zutiefst bösartige Imperien, deren Symbole Radkreuze, Hämmer und Sicheln waren.
Doch auch diese Reiche des Abgründigen brachen zusammen; freilich nur, damit aus ihrem Untergang ein letztes Imperium des Widergöttlichen ausgeboren werden konnte: ein Reich, das seine menschenfeindlichen Absichten durch scheinbar menschenfreundliches Lügen tarnte.
Im Norden eines Kontinents jenseits des Meeres, welches gegen die britannischen Westküsten schäumte, kam dieses letzte Imperium zur Macht und streckte seine gierigen Krakenarme über alle anderen Erdteile hin aus. Die falschen Götter, welche die Herrscher dieses Reiches in abstoßender Verzückung anbeteten, gleißten einerseits wie blutbeflecktes Gold und schillerten andererseits seltsam schwarz und ölig - und am Ende ging von den Götzenanbetern auf dem westlichen Kontinent derartige Gefahr für die Erde und die Menschheit aus, dass die wahren und ewigen Gottheiten diese Bösartigkeit nicht länger dulden konnten. Die Erdmutter selbst bäumte sich gegen die Frevler auf; grauenhafte Naturkatastrophen und dazu Kriege, die mit fomorischen Waffen geführt wurden, vernichteten das Imperium, welches sich zur Herrschaft über alle Völker der Welt berufen gefühlt hatte - und schließlich war vom letzten Reich der Vermessenheit nichts weiter übrig als eine mit Dornengestrüpp bewachsene Trümmerwüste unter schmutziggrauem Firmament.
All dies sah Eadha, und es erschütterte sie im Innersten - am Ende aber schaute sie etwas, dass sie alles Schreckliche vergessen ließ. Denn nachdem das abgründige Imperium im Westen wie alle anderen Reiche vor ihm untergegangen war, entstand die alte, einst von den Römern zerstörte keltische Kultur Britanniens und Europas von neuem, und die Menschen lebten wieder im Einklang mit den Gottheiten, der Erde und sich selbst. Dies war das letzte Bild, das Eadha sah - und als sich die Sídhe, unter ihnen die Seele Boadiceas, nun von der jungen Pendruid entfernten und Eadha wieder zu sich kam, begann sie vor grenzenlosem Glück zu schluchzen ...
aus "Die letzte Königin der Kelten"
von "Manfred Böckl"